9. November 2025
Heute ist Sonntag. Ich sitze im Gottesdienst. Zweites Buch Mose: Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten in die Wüste.
Bald verfolgt von den Streitwagen Pharaos - und - gerettet durch das Wunder am Schilfmeer. Aufstand gegen Mose: Nichts zu trinken, nur bitteres Wasser - und - das Wunder von Elim mit zwölf Wasserquellen. Dann Vorwürfe gegen Mose: Nichts zu essen - und - versorgt durch das himmlische Manna und Wachteln.
Gott spricht zu Mose: " Wie lange wird sich dieses Volk noch weigern, meine Gebote und Anweisungen zu halten?" (2. Mose 16,28). Leider geht es weiter so. Wo bleibt das Vertrauen im Angesicht möglicher Gefahren?
Ich fasse noch während dem Gottesdienst den Gedanken, hier einen Rückblick zu tun über meine gesundheitlichen Herausforderungen ungefähr der letzten 2 Jahre und mir meine Erlebnisse mit Gott in Erinnerung zu rufen. Aus Dankbarkeit.
Also, alles von vorne: 2. Sept. 2023 zu Hause im Wohnzimmer: In kaum einer Minute wird mein rechter Arm und dann mein rechtes Bein komplett taub, gefühllos, wie beim Zahnarzt nach der Spritze. Ich kneife mich, ich spüre nichts, ich kann mich nur noch unbeholfen bewegen. Noch bevor ich an einen Notfall denke, bete ich, dass ich noch nicht in den Himmel will. Es trifft mich völlig unvorbereitet, ich habe Angst. Notfall, nein, das geht sicher gleich wieder weg, Ruhe bewahren. - Alles falsch, ich war ein Notfall. J.E. brachte mich und Susan ohne Diskussion umgehend ins KSW, Verdacht auf Schlaganfall. Untersuchung mit CT. Ein MRI hätte sofort Klarheit verschafft, doch das konnte nicht durchgeführt werden weil das starke Magnetfeld meine beiden Cochlea-Implantate im Schädel komplett beschädigt hätte. Also Blutverdünnung zur Verhinderung allfälliger weiterer Gefässverschlüsse und Verlegung auf die "Stroke-Abteilung" zur Überwachung. Ich lebe, Gott sei Dank. Zur rechten Zeit die richtige Hilfe bekommen. Susan und ich sind glücklich und unendlich dankbar. Ich lebe gerne.
13. Dez. 2023 Nach sieben Untersuchungen, inklusive Biopsie unter Vollnarkose, bekomme ich beim Urologen die Bestätigung, dass ich Prostatakrebs habe. Ich habe nur das Wort Krebs verstanden. Ich sitze zu Hause und vergiesse Tränen der Verzweiflung. Susan umarmt mich. Ich weiss, dass uns diese Diagnose beide betrifft. Wir beten. Ich rufe B.H. an, langjähriger Freund, lieber Glaubensbruder und Arzt. Sein ärztlicher Trost tut mir vorerst gut. Es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten; Hansjürg, das ist noch nicht das Ende.
Eine Unsicherheit gibt es noch, nämlich, ob es in meinem Körper bereits Metastasen gibt. Das muss mit einem bildgebenden PSMA-PET/CT "in der Röhre" abgeklärt werden. Susan wartet im Korridor. Der Radiologe wird die Bilder auswerten und den Befund meinem Urologen schicken. Doch so kann ich jetzt nicht nach Hause. Ich frage, wie lange der Radiologe braucht für eine erste Bildanalyse: 15 Minuten. Natürlich, wir warten diese Viertelstunde und sitzen bald (bald?) dem freundlichen Radiologen gegenüber. Ich spüre die Anspannung, aber auch ein grosses Vertrauen, dass alles, meine ganze Gesundheit, in Gottes Händen liegt. Danke, liebe Susan, bist du mit mir hier. Der Radiologe erkennt keine Metastasen. Wunderbarer Bericht, ich fühle mich geborgen. Blick zum Himmel.
15. Feb. 2024 Vollständige, operative Entfernung der krebsbelasteten Prostata. Mit Hilfe des Da-Vinci-Roboters arbeitet der Urologe minimal-invasiv durch fünf kleine Schnitte im Bauch. Er sitzt am Bildschirm und bedient über zwei Joysticks alle Operationsinstrumente; ich liege unter dem Roboterarm. Ein Ungetüm, aber ich schlafe vertrauensvoll. Alles geht gut. Ich bin dankbar für die präzise Technik und meinen erfahrenen Urologen.
18. Nov. 2024 Diagnose Diabetes Typ 2. Ich schaue meinen Hausarzt ungläubig an. "Herr Koller, es trifft nicht nur Risikopatienten". Es ist für mich schwer anzunehmen, ich brauche Zeit. Ernährungsumstellung mit -beratung, Schritt für Schritt, möglichst konsequent! Blutzuckermessung. Susan hilft mir mit viel Energie und Liebe. Neue Kochbücher mit wirklich feinen Menu-Vorschlägen geben uns neue Ideen. Mich dünkt, das Kochen wird komplizierter. Ich bewundere meine liebe Frau. Sie verdient ein grosses Dankeschön. Und unser himmlischer Vater auch. Er gibt uns Freude trotz allem und stärkt unseren Willen.
23. Juni 2025 Start einer Bestrahlungstherapie weil mein PSA-Wert (Indikator für Krebsaktivität) leider gestiegen ist, mit insgesamt 33 Terminen während sieben Wochen. Nur Sa/So ist frei . Es tut nichts weh, aber am Nachmittag befällt mich oft eine grosse Müdigkeit. Es geht nicht spurlos an mir vorbei. Die hoffentlich gute Wirkung erfahre ich erst drei Monate nach Abschluss: Der PSA-Wert ist von 0.11 auf 0.04 gesunken. Super, die Richtung stimmt. Wir sehen uns in drei Monaten wieder.
Heute ist wieder Sonntag, der 23. Nov. 2025.
Morgen Montag trete ich ins Uni-Spital Zürich ein. Mein Cochlea-Implantat (CI) beim linken Ohr ist defekt (die Komponente im Kopf drin). Das Implantat mit 16 angeschlossenen Sensoren, welche in der Gehörschnecke (Cochlea) positioniert sind, muss durch ein neues ersetzt werden. Ich möchte meine Frau und meine ganze Familie wieder gut verstehen und wieder besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Soweit die guten Argumente für den empfohlenen Eingriff, die möglichen Risiken liessen mich die Entscheidung ein ganzes Jahr hinauszögern. Jetzt lasse ich mich im Gottesdienst segnen und schliesse auch das Operationsteam mit ein. Wieder einmal durchströmt mich Ruhe, Frieden und ein grosses Vertrauen.
Warum schreibe ich das hier? Aus Dankbarkeit. Und für dich. Mein seelsorgerliches Herz will Glaubensstärke weitergeben. Vor der Narkose sagt eine innere Stimme zu mir: "Hansjürg, alles was du als Seelsorger den Ratsuchenden weitergegeben hast, gilt jetzt für dich. ICH bin bei dir".
Ich bin kein Indianer, der keinen Schmerz kennt. Angst habe ich auch erlebt beim Schlaganfall. Aber ich glaube, dass Gott seine schützende Hand über mir hat und ich nicht Willkür und Zufällen ausgeliefert bin. Auch nicht durch gesundheitliche Herausforderungen. Beten heisst für mich, mit Gott reden und glauben, dass er zuhört. Und wissen, dass IHM nichts unmöglich ist. Das ist meine Lebensgrundlage. Seit 40 Jahren. Das Bild oben auf der Seite vermittelt mir, Licht und Schutz empfangen / Licht und Schutz weiter vermitteln.
Danke, Vater im Himmel, beides will ich tun.
19. Dez. 2025. Heute wird mein neues CI eingeschaltet und beidseitig bekomme ich neue Prozessoren (äussere Komponente des Cochlea-Implantates). Im linken Ohr nehme ich ein Rauschen war, die rechte Seite bleibt vorerst abgeschaltet. Solches Rauschen kenne ich als Starterlebnis mit einem neuen CI. Ganz knapp kann ich die Stimme der Audiologin hören. Also, es funktioniert. Jetzt müssen alle Frequenzbänder einzeln auf eine mir angenehme Lautstärke einjustiert werden. Mein Daumen geht rauf und runter als Signal für Korrektur nach "leiser" oder "lauter". Daumen quer heisst "jetzt ist gut". Dann nochmals alles durchchecken für die Feinabstimmung. Und jetzt: Alle Kanäle werden frei- und das rechte Ohr zugeschaltet. WOW, es tönt schon richtig gut, viel besser als erwartet. Halleluja. Alles hat sich gelohnt.
Weihnacht, 24/25. Dezember 2025.
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