Seit Längerem hegte Jürg den Wunsch, das einsame, blumenreiche Val da Camp mit den verträumten Seen kennenzulernen. Er konnte sich keinen besseren Reisebegleiter vorstellen als mich. Sowieso wollte ich auch gerne wieder einmal in das mir lieb gewordene Seitental des Puschlav's.

Im Austausch mit Jürg tauchten weitere Wünsche auf und ergänzten sich schliesslich zu einer neuntägigen Ferienreise mit dem Camper vom Lukmanierpass ins Puschlav und schliesslich auf den Ofenpass.

Anreise am 2. Juli , erste Übernachtung im Val Cristallina

Vorbei am imposanten Internat in Disentis erreichen wir nach drei Stunden Fahrt den abgelegenen Stellplatz im unteren Val Cristallina. Mit meinem neuen Handy gelingt es mir schnell, mich bei Parkn'Sleep mit dem QR-Code auf dem kleinen Schild als "Camper" zu registrieren und die fällige Gebühr zu zahlen.

Jürg kocht ein feines Spargelrisotto, derweil ich meine Handy-Kamera teste. Schliesslich waren Preis und Kamera ausschlaggebend für den Kaufentscheid. Ich bin zufrieden, der Entscheid war gut.

Montag, 3. Juli, Jürg steht früh auf, um 7 Uhr rüttelt er mich wach. Während dem Frühstück klart es auf und um halb neun verlassen wir den tollen Stellplatz Richtung Lukmanier Passhöhe.

Unser fotografisches Tagesziel ist klar: Aufnahmen von der Zwergorchis (Chamorchis alpina) und vom roten Männertreu (Nigritella rubra).

Vorbei an der modernen, weiss leuchtenden Kapelle wandern wir auf dem Fahrsträsschen Richtung Alpe di Croce. Ein Rasen voller Weisser Höswurz (Pseudorchis alpida) lässt uns verweilen und nahe am Weg steht majestätisch eine Gruppe Fuchs' Fingerwurz (Dactylorhiza fuchsii, intensiv gefärbte Gebirgsform) und, schön vor Alpenrosen platziert, ein Grüppchen Weisse Breitkölbchen (Platanthera bifolia). Erst viel später, als wir bereits bei den roten Männertreu sind, überraschen uns einige Exemplare des seltenen Alpenakelei (Aquilegia alpina) mit seinen 6-9 cm grossen Blüten.

Zwar weiss Jürg genau wo suchen, doch die winzige Zwergorchis zu finden ist gar nicht so einfach. War es wirklich hier, damals? Wer lässt sich nicht von den dominant erscheinenden Männertreu ablenken? Aber unsere Augen stellen sich auf die Herausforderung ein und wir entdecken bald immer mehr.

Irgendwann sind alle Zwergorchis fotografiert und wir streifen suchend weiter Richtung Pt. 1962, wo wir Rote Männertreu (Nigritella rubra) vermuten. Wir müssen nicht lange suchen. Sie leuchten kräftig hellrot und sind im Blühfortschritt etwa zwei Wochen früher als die schwarzen. Wir sind zeitlich genau richtig. Abwechslung bieten die prächtig blühenden, rostblättrigen Alpenrosen (Rhododendron ferrugineum), die blauen Alpenakelei und die hellgelben Blütenschöpfe der Kelch-Liliensimse (Tofieldia calyculata). 

Zum Übernachten fährt Jürg auf den Park- und Stellplatz beim "Infocentro Casaccia" . Bevor wir uns jedoch ein kühles Bier gönnen, streifen wir noch eine Weile den Rand des dactylorhiza-verdächtigen Flachmoores. Wir finden zwei, vielleicht vier, Lappländische Fingerwurze (Dactylorhiza lapponica). Typische Breitblättrige und einige Fuchs' Fingerwurze (D. majalis, D. fuchsii) sind eher am Abblühen, aber im feuchteren Teil der Wiese überragt ein "Knabenkraut" mit sonderbaren Blüten alle anderen. Kräftig im Wuchs und erst am Aufblühen, kräftige und ungewöhnlich gepunktete Blätter; zweifelsohne eine Hybride: Dactylorhiza fuchsii x majalis var. alpestris = Dactylorhiza x sooi).

Unmittelbar neben dem Parkplatz verläuft ein Trockenhang mit hochstehendem Gras. Wir durchsuchen diese Wiese nicht, zu gross wäre der Flurschaden. Einzig die Kugelorchideen (Traunsteinera globosa) sind gut sichtbar. Immerhin haben wir heute ja bereits 13 Orchideenarten gesehen.

Um 18 Uhr bittet Jürg zu Tisch. Er hat Raclette vorbereitet und es schmeckt ausgezeichnet. Der Wind hat kein Erbarmen mit den Rechaudkerzen im abgebildeten Raclettöfeli (autark!). Wir wechseln auf das elektrische (auch autark, weil mit Camperstrom betrieben).

Dienstag, 4. Juli, Jürg steht um 6 Uhr auf und nur wenig später (!) weckt er mich und bald steht auf dem Frühstückstisch alles bereit. Spätestens um 9.40 Uhr möchte Jürg in Sur, kurz vor dem Lai da Marmorena, sein, um mit dem Camper die Bergstrasse hinter dem Alpin-Taxi auf die Alp Flix fahren zu können. Dank Zeitreserve kommen wir trotz allgemeiner Polizeikontrolle und zahlreicher Baustellen um 9.38 Uhr in Sur an. Die Zeit reicht gerade noch um am Automaten das Parkticket für den Wanderparkplatz zu lösen.

Die Strasse zur Alp Flix ist schmal und steil, aber mit dem Bus als "Pflug" bleibt Jürg völlig entspannt und bald schon erreichen wir den Wanderparkplatz. Rasch sind wir startklar und wandern los. Die Alp Flix rühmt sich eine Schatzinsel der Artenvielfalt zu sein, tatsächlich haben Fachleute im Jahr 2000 sage und schreibe 2092 verschiedene Tier- und Pflanzenarten aufgelistet. Wir wären ja schon mit ein paar blühenden Orchideen zufrieden.

 

Schnell kommen wir nicht voran, es gibt viel zu bestaunen und zu fotografieren. Je nach Untergrund dominieren Langspornige Handwurze (Gymnadenia conopsea) oder die Breitblättrigen Handwurze (Dactylorhiza majalis). Während oberhalb des Weilers eine Schafherde zur nächsten Weide zieht, entdecken wir am Wegrand einzelne Hybriden G. conopsea x N. rhellicani, deutlich erkennbar an der kräftig gefärbten Infloreszenz. Unweit davon auch die Eltern.

Weiter geht's! Wandern kann man in alle Richtungen. Immer wieder vorbei an feuchten Stellen mit D. majalis. Ich meine auch einzelne Exemplare der Varietät alpestris zu sehen. Im Weiler Cuorts bietet ein Hofladen einheimische Produkte an.

Genau richtig für die Picknickpause erreichen wir um 12.15 Uhr den Lai Blos. 

Geplant war der Rückweg durch den Wald, aber wir bleiben lieber an der Sonne. Schliesslich lockt noch das Berggasthaus "Piz Platta". Die Wiesen sind geprägt von den Kugelorchideen (Traunsteinera globosa). Es hat viele ähnliche Farbtupfer und erst beim "Heranzoomen" (roter Kreis) können die "richtigen" der Orchidee zugeordnet werden.

Am "Picknick-See" plauderten wir mit einer Wanderin die diese Gegend gut kennt und regelmässig besucht. Und - sie ist in Winterthur-Seen zu Hause. Sie hat offene Augen für die vielfältige Natur und wir zeigen ihr diese oder jene Orchidee. Jetzt begleitet sie uns bis zum kühlen Panaché auf der Sonnenterasse.

Vom Berggasthaus ist es nicht mehr weit bis zum Camper. Der Weg führt an der schlichten Kapelle St. Placidus und Rochus vorbei. Sie wurde im 14. Jahrhundert erbaut und 1982/83 renoviert, die kleine Pfarrwohnung dann im 2020. Seither wird diese an Personen, die eine Auszeit und Ruhe benötigen, vermietet https://www.sonroc.ch/

Um vier Uhr nachmittags sind wir zurück beim Camper. Jürg schaltet sogleich den Boiler ein und schon bald können wir mit der Aussenbrause unter freiem Himmel heiss duschen. Herrlich, aber das Beweisfoto gibt es nur im Reise-Fotobuch von Jürg.

Während ich mich nochmals kurz auf Orchideenpirsch begebe, beginnt Jürg bereits mit Kochen.

Weil sich der Himmel stark verdunkelt, essen wir im Camper. Jürg hat fantastisch gekocht und ein Glas Rosé rundet das feine Essen ab. Die Sonne zeigt sich schon wieder und so nehmen wir den Kaffee im Freien, bis es nach Sonnenuntergang doch nur noch 14° C ist und wir uns wieder in den warmen Camper zurückziehen.

Mittwoch, 5. Juli. Heute steht uns zuerst eine längere Autofahrt bevor und dann eine längere Wanderung. Das heisst: Wir stehen um 6 Uhr auf und eine Stunde später ist Abfahrt. Auf der engen Strasse hinunter nach Sur hat es keinen Gegenverkehr und auch der Marmorera-Stausee liegt noch still verträumt im Schatten. Beim Bernina- Hospiz legen wir einen kurzen Fotohalt ein, dann geht's in vielen Kehren 1250 Höhenmeter abwärts bis San Carlo im Puschlav. Hier zweigt die Strasse ab hinauf nach Cavaglia. Eine Baustelle zwingt uns, durch enge Gassen des Dorfes und über eine schmale Brücke zu fahren. Eine Passage ist so eng, dass die Aussenspiegel links und rechts die Hausmauer touchieren. Die nächsten 9.4 km sind eine kurvenreiche Bergstrecke - schmal, einspurig, steil, holprig. Der Chauffeur verrichtet konzentriert Schwerarbeit und der Co-Pilot kommt kaum nach mit Fotografieren. Sogar den Tiefblick ins Puschlav habe ich nicht verpasst; einzig die Frontscheibe habe ich vor der Abfahrt nicht gereinigt. In Cavaglia angekommen, dürfen wir den Camper gegen eine kleine Spende ins "Kässeli" auf dem Parkplatz des Vereins "Giardino dei Ghiacciai di Cavaglia" stehen lassen. Über die vom Gletscher geformte Hochebene schlendern wir der mäandrierenden Cavagliasch entlang zum Bahnhof und fahren punkt 10 Uhr mit der RhB hinauf zum Bernina Hospiz wo unsere geplante Tageswanderung beginnt.

Die Route führt zunächst am Ostufer des Lago Bianco entlang. Prächtig blühender Punktierter Enzian (Gentiana punctata) säumt den Weg bis wir bei der südlichen Staumauer rechts abzweigen. Der Weg führt nicht allzu steil hinauf und wir erspähen da und dort eine Bergorchidee; und vermutlich das einzige, jetzt noch blühende Männliche Knabenkraut (Orchis mascula, evt. sogar subsp. speciosa).

Kurz vor 12 Uhr erreichen wir den Aussichtspunkt Sassal Mason (2355 m), wo sich ein spektakuläres Panorama eröffnet: Val Poschiavo, Vadret da Palü, Alp Grüm, Lagh da Palü und ganz hinten die Bergamasker Alpen. Schon vor dem höchsten Punkt geniesst man einen tollen Blick über "Pru dal Vent" direkt auf den Lago di Poschiavo.

Mit ein bisschen Glück schlängelt sich gerade noch der Bernina-Express , von hier oben wie eine Modelleisenbahn, vorbei.

Seit 1876 ist das Berghaus mit seinen runden "Crott"-Steinhütten (immer kühle Vorratskeller) ein beliebtes Ausflugsziel. Leider ist es seit geraumer Zeit und bis auf weiteres geschlossen; so packen wir unser Picknick auf der Bank davor aus.

Die aufziehenden Wolken drängen Jürg zum Aufbruch. Alles einpacken, weiter geht's!

Der schmale Bergpfad führt im Zickzack steil abwärts, überrascht aber mit einer üppigen, vielfältigen Blumen-pracht. Fast unnatürlich leuchtet die Hybride Gymnadenia conopsea x Nigritella rhellicani (3. + 4. Bild) und es gelingt mir ein Bild des Elternpaares (5. Bild). Ein Hang ist voll von Paradieslilien (Paradisea liliastrum) und hangabwärts stehen majestätisch einige Türkenbundlilien (Lilium martagon). Der violett überlaufene, verblühte Stängel mit kräftigen Samenkapseln ist zweifelsfrei eine Orchis mascula. Ganz unten am Hang in einer feuchten Senke stehen zwei "Knabenkräuter", ich tippe auf die alpine Form von Dactylorhiza fuchsii. Daneben ein kleines Polster des fleischfressenden, violetten Fettkrautes (Pinguicula vulgaris).

Eine mir unbekannte, gelb blühende Pflanze (den Blättern nach könnte es ein Lauch sein) muss ich zu Hause googeln mit

https://identify.plantnet.org/de

Es ist Allermanns Harnisch oder auch Siegwurz-Lauch (Allium victorialis).

 

Leider ist die Abzweigung zum Lagh da Palü gesperrt, so dass wir direkt zur Alp Grüm wandern. Angesichts des Wetters ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, die letzte Etappe mit dem Bernina-Express zurückzulegen.

In Cavaglia angekommen streben wir sogleich dem Eingang des Gletschergartens zu, wo auf einem Rundgangmehr als 30 Gletschermühlen zu betaunen sind - liebevoll auch Töpfe der Riesen genannt - der kleinste ist 60 cm tief, der grösste 14 m. Von Sassal Mason aus haben wir den letzten kümmerlichen Rest des ehemals wuchtigen Gletschers gesehen; lange wird es ihn wohl nicht mehr geben.

Eigentlich wollten wir in Cavaglia übernachten, doch Jürg macht sich Sorgen. Was ist, wenn uns morgen bei der Talfahrt einer der grossen Lastwagen entgegenkommt? Die Sorge ist berechtigt, wir stehen neben einer grösseren Baustelle. Lieber fahren wir noch heute abend nach Poschiavo hinunter, wenn möglich hinter einem der Arbeiter, die jetzt dann Feierabend haben. Tatsächlich fährt in diesem Moment einer los. Vor Hektik reisse ich mir am Holz-zaun den Finger auf und es blutet wie blöd. Schnell verbinden und ab geht's. Der freundliche Mann im VW-Transporter lotst uns sicher bis San Carlo.

Wir fahren ohne Halt an Poschiavo vorbei bis zum Campingplatz "Boomerang" bei Li Curt. Wie wir dann abends um 7 Uhr zur feinen "Poulet-Penne-Pfanne" anstossen, sieht die Welt schon wieder viel besser aus. Und zum Abschluss des ereignisreichen Tages gibt's zum Kaffee für jeden ein Stück Schokoladekuchen.

Im Camper morgens um 6 Uhr aufzustehen, gehört bereits zur Routine. Zum Frühstück einen Schinken-Käse-Toast zu essen  ist schon eher die Ausnahme - aber gut!   Heute ist der 6. Juli.

 

Völlig ungewohnt ist allerdings, den Rucksack für drei Tage zu packen. Sogar der Seidenschlafsack, Waschzeug und Ersatzwäsche müssen mit. Wir wollen nämlich drei Tage im Val da Camp verbringen und dazu zweimal im "Ristoro Alpe Campo" übernachten.  Um 7.30 Uhr fahren wir das Puschlav hinauf bis zum Wanderparplatz Sfazu. Jürg füttert den geldgierigen Ticketautomaten mit sechs Fünflibern (keine Ahnung wo er diese hergenommen hat).

Im Val da Camp herrscht Fahrverbot, nur ein kleines Postauto bringt Wanderer bequem hinauf zur Alp Camp. Ich habe bereits im Voraus zwei Plätze reserviert. Ich kenne das Val da Camp. Ich freue mich.

 Um 9.45 Uhr wandern wir los. Ein schmaler Pfad führt uns in einer Viertelstunde zum Lagh da Saoseo.

Still und verträumt liegt er vor uns. Der idyllische Bergsee leuchtet intensiv türkis- und kobaltblau, sein Wasser ist kristallklar - traumhaft schön. Ausser uns ist noch niemand hier. Wir fotografieren den spiegelglatten See von allen Seiten. Schade ist einzig, dass der Himmel heute ziemlich bewölkt ist. Wir könnten noch lange hier verweilen, aber wir wollen ja weiter zum Lagh da Val Viola.

 Der Pfad führt über Stock und Stein aufwärts zum kleinen Lagh da Scispadus. Manchmal ist er völlig ausgetrocknet, aber heute ist immerhin noch etwas Wasser vorhanden. Auch schon stand das Wasser so hoch, dass der Uferweg überflutet war. Vorbei an einer kleinen Kuhweide streben wir nun zügig dem Lagh da Viola (2160 m) entgegen. Um 11.45 Uhr erreichen wir an seinem Ufer den kleinen Picknickplatz im Schatten der alten Lärche - Zeit für die Mittagsrast. Der Violasee, ein zweites Bergsee-Juwel im Val da Camp, ist etwas grösser als der Saoseosee und liegt idyllisch inmitten einer Alpweide am Fuss der Scima da Saoseo (3231 m).

Diese Farben, diese Kulisse - der Schöpfer der Natur hat hier Grosses geschaffen.

 

Kurz vor 14 Uhr sind wir zurück auf der Alp Camp. Jetzt folgt der gemütliche Teil: Ein kühles Bier auf der Terrasse, Zimmerbezug und eine warme Dusche. Doch HALT, vor lauter Bergseen sind heute die Orchideen etwas zu kurz gekommen. Ich besuche noch kurz die Stelle mit dem Massenvorkommen von Dactylorhiza fuchsii. Und alle sind sie noch hier; wie vor Jahren, fantastisch. Jetzt muss ich mich beeilen. Der Himmel verdunkelt sich bedrohlich.

Um 15 Uhr entlädt sich über dem Tal ein heftiges Gewitter. So hat es auch sein Gutes, dass wir nicht bis zum Violapass aufgestiegen sind. Die Zeit bis zum Nachtessen verbringen wir in der gemütlichen Gaststube bei einem Stück Bündner Nusstorte mit Plaudern und Schmökern in der umfangreichen Hausbibliothek. 

 

Um 19.30 Uhr serviert die Gastgeberin, Daniela Luminati, Pizzoccheri, eine Puschlaver Spezialität. "Pizzöcar" gehört im Val Poschiavo einfach dazu. Die Buchweizennudeln hat sie von Hand zubereitet, mit Kartoffeln und Wirz gekocht und mit Käse, Knoblauch, etwas Butter und Salbei angerichtet. Sieht auf den ersten Blick ungewohnt aus, aber es schmeckt ausgezeichnet.

Freitag, 7. Juli. Heute ist fast blauer Himmel. Wir müssen trotzdem auf die geplante Wanderung ins Val Mera ver-zichten. Jürg hat eine Horrornacht hinter sich und vor Rückenschmerzen kaum geschlafen. Wir entschliessen uns, bevor wir das Val da Camp hinunter nach Sfazu wandern, nochmals Aufnahmen vom Saoseo-See zu machen. 

Ein Juwel, dieser See. Es ist still, wir geniessen die eindrückliche Stimmung.

Der liegende Geist vom Saoseosee.

 

Um halb 10 Uhr verlassen wir den idyllischen Ort. Wir bleiben auf dem Fahrsträsschen und kommen bald an der SAC-Hütte bei Lungaqua vorbei.

Etliche Ferienwochen habe ich hier mit Freunden verbracht, übernachtet und  viele schöne Erinnerungen gesammelt.

Auf dem weiteren Weg finden wir keine Orchideen mehr, die wir nicht längst fotografiert hätten ...

... dafür entdecken wir an den mir bekannten Stellen Lilien - Feuerlilien (Lilium bulbiferum), Türkenbund (Lilium martagon), astlose Graslilien (Anthericum liliago) und, leider schon verblüht, Paradieslilien (Paradisea liliastrum).

Schon fast am Ziel staune ich. Da wo in den Sommerferien immer ein Kinderlager einquartiert war, ist jetzt ein Restaurant. Spontan geniessen wir im Ristoro Buril eine Portion Polenta mit einer kleinen Käseauswahl. Ich frage den freundlichen Padrone, ob er Bruno Heis kennt, den jahrelangen Gastgeber in der SAC-Hütte. Natürlich kennt er ihn und ich hinterlasse meine Visitenkarte mit lieben Grüssen an Bruno. Kaum zu Hause erreicht mich bereits eine Grusskarte von Ruth und Bruno.

 

Kurz nach 13 Uhr sind wir wieder beim Camper. Der Parkplatz ist jetzt gut gefüllt. Wir verstauen die Rucksäcke und fahren los - zum Camping "Boomerang".

Erst als es kühler wird, wirft Jürg den Grill an und bald schon stossen wir auf das Val da Camp an.

8. Juli, Brusio und San Romerio: Tagwache um 6 Uhr (für Jürg). Diese Nacht hat er zum Glück wieder besser geschlafen. Es duftet nach frischen Brötchen, gebacken im Omnia Camping-Backofen, Jürg's genialem Allerwelts-Kochgeschirr . Bald fahren wir los zum Bahnhof Brusio, wo Jürg den Camper halbwegs korrekt parkieren kann. Der kleine Bus, der uns nach Viano bringen wird, fährt erst um 10. 15 Uhr und so bleibt genügend Zeit, das bekannte Kreisviadukt zu fotografieren.

Ebenso unerwartet wie sympatisch ist die Aktion "Frutti per tutti". Kurz vor dem Kreisviadukt stehen zahlreiche Obstbäume: Apfel, Birnen, Feigen, Kiwi, Kirschen - und jedermann darf sich bedienen!

Die Strasse hinauf nach Viano ist abenteuerlich: eng, kurvenreich, steil und steinschlaggefährdet. Der Chauffeur des kleinen Postautos bringt uns jedoch sicher ans Ziel. Mehr noch; für 10 Franken pro Person fährt er uns noch 400  Höhenmeter weiter bis zum Parkplatz "Piaz" (Pt. 1687). Von hier aus ist es bloss eine halbe Stunde bis zur Alpe San Romerio mit dem exponierten Kirchlein. Den mässig steilen Weg dorthin säumen viele Blumen.

Die schlichte, romanische Kirche wurde im Jahre 1106 vom Bischof von Como geweiht. Bereits zur Römerzeit verlief hier ein Saumpfad von Viano zum Berninapass. Die Kirche thront direkt an der Abbruchkante, 800 m über dem Lagodi Poschiavo. Weil wir den Adlerhorst besuchen wollten, habe ich mein 400 mm Teleobjektiv dabei. Der Adler sei nicht hier, nun ermöglicht die 1.7 kg-Linse halt ein schönes Bild vom Kreisviadukt. Mit etwas Geduld und dem Handy-RhB-Fahrplan kommt auch noch der Zug mit aufs Bild.

Bevor wir die Alp weiter erkunden, setzen wir uns in die Gartenwirtschaft und bestellen bei Gino je eine Portion Polenta und ein Bier von hier.

Während ich in der nahen Umgebung bei einem botanischen Streifzug meine Ruhe finde, plaudert Jürg mit Gino und lässt sich den Vorratskeller zeigen. Gino hat in vierjähriger, mühsamer Arbeit selber zwei grosse Crotti gebaut, in denen nun seine zahlreichen Vorräte gekühlt lagern.

Salat und Gemüse werden in zwei Gärten nach Mondphasen und genauen Zeitabschnitten gepflanzt, pikiert, gepflegt, geerntet und ohne Konservierungsstoffe verarbeitet. Die Polenta aus Buchweizen schmeckt jedenfalls vorzüglich. Ich stöbere in der kleinen "Verkaufsstube" und lasse mich beraten. Ein Fläschchen mit konzentriertem Thymian-Sirup gegen den Husten (wie ich das einnehmen muss erklärt mir Gino) und eine schlanke Flasche Grappa (die in den Rucksack passt) versuche ich schliesslich mit PostFinance zu bezahlen, was nach mehreren Anläufen auch gelingt.

An der Sonne reifen der Grappa und seine Zutaten. Besucher merken auf Schritt und Tritt, wie Gino das kleine Paradies auf San Romerio pflegt und im Herzen trägt. Einfachheit und Ruhe, Natur und die kleinen Dinge des Alltags sind ihm besonders wichtig. Wahrlich: Hier machen Kleider keine Leute!

Es wird Zeit für den Rückweg, damit wir den Extra-Bus nicht verpassen. Alles klappt bestens, da kommt er schon. Jürg darf vorne rechts sitzen. Für einmal ist er der Co-Pilot und Fotograf.

Weil wir uns besseres Licht erhoffen als am Morgen, begeben wir uns nochmals zum Kreisviadukt. Diesmal auf die Kreis-Innenseite. Die Kamera ist fix auf dem Stativ, so dass derselbe Zug an unterschiedlichen Positionen aufgenommen werden kann. Zwei bis drei Einzelbilder kann ich später so zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Die Fahrt zurück zum Campingplatz unterbrechen wir noch kurz bei einem grösseren Buchweizenfeld, das in voller Blüte steht. Die Nüsschen dieser einjährigen Pflanze reifen innert zehn bis zwölf Wochen und werden im September geerntet. Buchweizen ist aber keine Getreideart, sondern gehört zur Familie der Knöterichgewächse.

Der Rest ist schnell erzählt: Duschen, chillen, Schinken/Käse-Toast ....

Sonntag, 9 Juli. Durch den verkürzten Aufenthalt im Val da Camp ist heute schon die Wanderung auf dem Ofenpass dran. Zunächst steht uns aber einmal eine längere Pässefahrt bevor. um 7.15 Uhr verlassen wir den Campingplatz. Wir fahren das Puschlav hinunter, bei Campocologno über die Grenze nach Tirano, weiter bis Bormio (wo ich bisher noch nie gewesen bin), dann den Passo dello Stevio hinauf, den Umbrailpass (da war ich schon mal auf dem Piz Umbrail) hinab ins Münstertal nach Santa Maria und schliesslich hoch auf den Ofenpass.

Kurz vor dem Ofenpass wird linkerhand der Gipfel des Il Jalet sichtbar wo Andrea, Jürg und ich 2021 wegen den roten Männertreu (Nigritella rubra) hinpilgerten.

Für heute haben wir uns spontan mit Willi verabredet, der uns ein orange-gelbes Männertreu zeigen möchte und eine Stelle mit dem Svoyer Fingerwurz wollen wir ebenfalls aufsuchen. Dazu habe ich die genauen Koordinaten in Erfahrung gebracht.

Wir sind alle pünktlich und können um 10 Uhr auf der Passhöhe Richtung Alp da Munt loswandern. Zuerst durch lockeren Föhrenwald, dann durch die Plaun da l'Aua. Hier kommen wir eher langsam voran, zu viele Orchideen müssen bestaunt und fotografiert werden. Sehr viele wohlriechende Mückenhandwurze (Gymnadenia odoratissima) in allen Farbtönen zwischen rot und weiss. Verstreut stehen schwarze Männertreu (Nigritella rhellicani) und dazu zwei Hybriden zwischen G. conopsea und N. rhellicani (Bild 4 +5). 

In den beiden Bildern unten ist links die Langspornige Mückenhandwurz und rechts die wohlriechende Mücken-handwurz. So schön nebeneinander ist die Unterscheidung einfach. Im Zweifelsfall muss man sich die Mühe nehmen und mit der Länge des Sporns die Art bestimmen.

Im Waldstück nach der Alp da Munt treffen wir auf soeben verblühte Orchis mascula subsp. speciosa (Bild 4+5).

Wir sind jetzt oberhalb des Lai da Juata, im Reiche der schwarzen Männertreu; und suchen das gelb-orange, das Willi vor ein paar Tagen entdeckt hat. Doch auch 6 Augen finden es nicht mehr. Zur Rettung unserer Expedition finde ich jedoch bald ein stroh-gelbes, was ja auch eine seltene Rarität ist. Jürg zeigt Willi die Vorgabe für ein gutes Kombi-Foto: Schwarzes und gelbes Männertreu.

Zum Glück hat Willi vom gelb-orangen beim ersten Besuch Fotos gemacht, die ich hier freundlicherweise einfügen darf.

Willi und ich steigen nach der kurzen Mittagspause noch weiter hinauf Richtung Mischuns; ohne Weg, Diretissima, bis auf 2400 m Höhe. Es gibt vereinzelt feuchte Stellen und wir nähern uns den notierten Koordinaten. Es hat nicht viele Orchideen hier, fast nur Pseudorchis albida. Aber unvermittelt stehen wir vor einer hochgewachsenen, auffälligen vom Typ "Knabenkraut". Die Merkmale passen gut zu der detaillierten Beschreibung der gesuchten Savoyer Fingerwurz (Dactylorhiza maculata subsp. savogiensis) im Feldführer "Die Orchideen der Schweiz" von Beat A. Wartmann. . Ein paar Schritte hangabwärts blühen zwei viel kleinere Fingerwurze. Diese bestimmen wir als Dactylorhiza lapponica (Bild 5+6) und decken uns damit mit dem Eintrag in der Orchideendatenbank vom 11.7.2016. Auch die Savoyer Fingerwurz wurde am gleichen Tag hier gefunden und kartiert. Sieben Jahre später lebt sie immer noch! Natürlich werde ich das zuhanden der Datenbank melden.

Es ist schon 16.20 Uhr als wir uns auf den Rückweg machen. Jetzt müssen wir uns beeilen. Wir haben gehörig Durst und ich habe auch noch starke Rückenschmerzen. Bei der Alp da Munt gibt's am Brunnen frisches Wasser, dann geht's zügig weiter. Nur wer schnell läuft, darf noch fotografieren. Um 17.50 Uhr erreichen wir die Passhöhe und 10 Minuten später fährt Willi mit dem Postauto schon nach Hause. Vielen Dank, lieber Willi, für die Führung durch diesen schönen Tag.

Nachdem wir uns von Willi verabschiedet haben, fahren wir den Pass hinunter nach Zernez und weiter über den Flüelapass. Auf halber Strecke zwischen der Passhöhe und Davos liegt in einer grossen Kurve der Stellplatz "Tschuggen" wo wir übernachten. Jürg beginnt mit Kochen, ich buche online eine Nacht. Das dauert eine Weile - und kann nur über ferienshop.davos.ch gemacht werden - ich bekomme Hilfe vom einzigen Camper nebenan - ich bin froh, es gelingt.

Im letzten Sonnenlicht geniessen wir die Spaghetti Bolognese.

Montag, 10 Juli. Jürg steht um 6 Uhr auf. Gewohnheit oder Rückenschmerzen? Wir sind nicht mehr die Jüngsten und sind doch schon eine Woche unterwegs. Nach dem letzten Frühstück im Camper fahren wir heimwärts. 

Lieber Jürg, ein grosses Dankeschön für diese gemeinsame Ferienwoche und für deine Freundschaft. Wiederum habe ich mit dir eine tolle Camperreise erlebt auf eine Art, die mir als Nicht-Autofahrer sonst verborgen bleibt. Ich bewundere deine exakte Routenplanung mit den Fahr- und Wanderzeiten. Während ich als Co-Pilot die Aussicht und  die schmalen Bergstrassen fotografiere und hin und wieder "vo Rechts isch guet" melde, chauffierst du mich sicher durch die halbe Schweiz. Du füllst vorgängig den Kühlschrank und die Tiefkühlbox gemäss Menuplan und es ist einfach immer alles da. Ich geniesse das feine Essen unter freiem Himmel und das Gläschen Rosé  passt wunderbar dazu. Ganz zu schweigen vom kühlen Bier nach der strengen Wanderung. 

Ich meine, wir hätten 17 verschiedene Orchideenarten gefunden und fotografiert, wenn wir die Hybriden mitzählen; wir sind durch schöne und abwechslungsreiche Landschaften gewandert und haben auch mal die Seele baumeln lassen.

 Diese Seite in meiner Homepage lässt uns die Reise beliebig oft Revue passieren und, wer weiss, vielleicht animiert sie andere Naturliebhaber mit dem Camper auf Orchideentour zu gehen.

Herzlichen Dank.

2. – 10. Juli 2023, Camper-Tour, Gefundene Orchideen

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