Eine Orchideenwoche im Unterengadin, das hatten wir letztes Jahr so geplant; Urs, Jürg und ich. Bedauerlicher-weise musste Urs dann wegen Krankheit absagen. Zwei Zeitfenster standen zur Diskussion. Zweite Junihälfte oder Anfang August, je nach Präferenz was wir sehen wollen. Wir haben uns für den 20. Juni entschieden und ergo den Widerbart (Epipogium aphyllum) von der Liste gestrichen.

 

So waren wir zu zweit am 20. Juni unterwegs via Bergün, Lai da Palpuogna, Albulapass, ins Engadin.  Jürg schlägt für die Mittagspause den Besuch der Kirche St. Peter Mistail bei Tiefencastel vor. Diese wurde um das Jahr 800 gebaut, ist die einzige unverbaute Dreiapsidenkirche der Schweiz und erscheint in originaler, eindrücklicher, liebevoller Einfachheit. Wirklich ein Besuch wert.

 

In Sur En werden wir in unserem Hotel am Tor zum Val d' Uina von Frau Duschletta herzlich empfangen. Ein heimeliges Zimmer, die Aussicht ..... auf eine excellente Küche und wir haben uns schon wohl gefühlt.

Wir besprechen beim Abendessen unsere Vorstellungen und Wünsche für die gemeinsamen Tage und planen grob, mit Berücksichtigung der Wetterprognose, unsere Wanderungen.

Anreise am 20.6.2020

Im Val d' Uina am 21.6 2020, dem wilden, engen Tal mit der grossen botanischen Vielfalt. Es geht immer bergauf. Unten, zu Beginn unserer Wanderung waren die Frauenschuhe verblüht, es entschädigten imposante Wald-hyazinthen, Fuchs-Knabenkräuter, Vogelnestwurze. Dessen, dass die hier häufigen Widerbart-Orchideen noch nicht Blütezeit hatten, waren wir uns bewusst, aber auf Korallenwurz (Corallorhiza trifida) hatten wir uns eigentlich schon eingestellt. Wir wussten auch wo wir suchen mussten, und wurden fündig. Wo wir auch überall gesucht und nichts gefunden haben, verschweigen wir.

Auf dem Rückweg machen wir auf einer kärglich bewachsenen Schotterwiese, eher ehemaliger Bauplatz, Rast. Ich kann nicht ruhig sitzen und streife herum; und finde Gymnadenia conopsea und odoratissima, Listera ovata, D. fuchsi, Plantanthera bifolia und Epipactis-Triebe.

Am Ofenpass, am 22.6 2020, möchten wir das kleine Zweiblatt (Listera cordata) finden. Jürg ist bestens aus-gerüstet mit der exakten Standortbeschreibung. Es bewahrheitet sich alles: Infotafel, Wegmarkierung, etc.; nur, wo sind denn jetzt die Zweiblätter? Minutiös suchen wir vom Weg aus (wir sind im Nationalpark!) die Moospolster ab und werden dann doch noch fündig. Plötzlich sind es immer mehr. Aber sie sind und bleiben winzig. Wer sie nicht aufmerksam sucht, findet sie nicht. Vorbeigehende Leute wundern sich, was es hier zu fotografieren gibt.

Gegen Abend einen Besuch bei der Malaxis monophyllos in Scuol. Sie hat erwartungsgemäss noch nicht geblüht. Dafür haben wir ein paar Zentimeter daneben zwei Jungpflanzen entdeckt. Eine sogar mit kleinem Blütenstängel. Knapp sind sie der Säuberung des Strassenbordes durch den Mäher entgangen.

auf dem Heimweg hat mir Jürg den Steilhang bei der Burg Ruina da Tschanüff mit dem seltenen Kugelginster gezeigt .....

.... und wir haben den Standort der süss nach Honig duftenden Einorchis bei der Kirche San Nicla besucht.

Die Wiesen am Fuss des Piz Arina oberhalb von Ramosch am 23.6.2020:

Fast alles was hier nach "Knabenkraut" aussieht hatte ich vorschnell als Breitblättrige Fingerwurz (Dactylorhiza majalis) abgetan und mir kaum die Zeit genommen, genauer hinzuschauen. Das war falsch. Wie die Fotos im Nachhinein zeigen, waren auch Fleischrote Fingerwurz (Dactylorhiza incarnata) dabei. Mir scheint, dass sich die typische D. incarnata im Flachland in der Gesamterscheinung unterscheidet von jenen die wir hier getroffen haben. Aber die Merkmale sind eigentlich gut zu erkennen. Die eine oder andere könnte halt auch noch eine Hybride sein, was die Bestimmung dann nicht einfacher macht.

Ein unscheinbares, kurzrasiges Bord direkt an der Fahrstrasse hatte es in sich. Wir haben Listera ovata, Gymnadenia conopsea, Platanthera chlorantha, Dactylorhiza majalis und 8 Orchis ustulata gefunden. Das Fotografieren hat wegen der O. ustulata ein bisschen länger gedauert. Danke Jürg, für die Geduld. Die war ja mehr als einmal gefordert.

Dactylorhiza incarnata:

Erst zu Hause ist mir auf dem Bild unten die spezielle Lippenform aufgefallen. Die Dreiteilung fehlt völlig. Diese Orchidee muss die Varietät Dactylorhiza majalis var. alpestris sein (Die Orchideen der Schweiz von Beat A. Wartmann, 2020, Seite 125):

Ein kleines Stück weiter oben hatte Jürg eine Feuchtwiese gekannt. Wunderschön, direkt neben einem kleinen Bach. Rasch sind mir eigenartige Gymnadenia aufgefallen. Weder G. conopsea noch G. odoratissima. Eventuell Hybriden, denn beide Eltern haben hier ebenfalls geblüht.

Zwei Fingerkraut Exemplare unterscheiden sich von allen anderen durch den lockeren Blütenstand mit den dunkelpurpurnen "spitzigen" Blüten, den schlanken Wuchs und drei intensiv gefleckte, breit-lanzettliche Blätter (nach: Die Orchideen der Schweiz von Beat A. Wartmann, 2020). Ich ordne sie der Art Lappländische Fingerwurz (Dactylorhiza lapponica) zu.

Und dann im Val Sinestra: bei Jürg auf der Karte hat es ein Kreuz. Hier ungefähr muss es gewesen sein und er zeigt am Wegrand im Tannenwald einen steilen Abhang hinunter. Drei Blüten der als Goldschuh bezeichneten Varietät des Frauenschuhs finde ich nach einigem Suchen. Sieht wirklich sehr goldig aus und macht Freude. Anfänglich keine Lust auf den Steilhang, lässt es sich Jürg jetzt doch nicht nehmen, die Seltenheit noch einmal zu bewundern. Ich suche währenddessen die nähere Umgebung ab und finde "nur" noch Standard-Frauenschuhe. Der anschliessende Aufstieg bringt uns beide ins Schnaufen. Am Schluss die Einkehr im Bergrestaurant beim Hof Zuort mit der Wiese voller Dactylorhiza majalis.

Auf dem Rückweg bestaunen wir eine aussergewönlich gefärbte grüne Hohlzunge (Coeloglossum viride). Die einzige weit und breit und gut versteckt, aber direkt von der Fahrstrasse her sichtbar. Nur ein bisschen düster zum Fotografieren. Also wieder das Stativ auspacken. Zwei schöne Bilder sind die Belohnung.

 

Am 24.6.2020: Von Tarasp/Fontana zum Lai da Tarasp nach Avrona, dem kleinen Weiler mit dem Restaurant. Via Clemgia-Schlucht zurück nach Scuol war unser Plan, aber die Schlucht war immer noch gesperrt. So sind wir entlang der Clemgia auf einem guten Weg durch einen lichten Föhrenwald mit etlichen Frauenschuh-Plätzen (nur wenige haben noch geblüht) hinaufgewandert bis zur Bushaltestelle an der Strasse nach S-charl. Unsere Augen waren nicht nur für Orchideen offen und nicht jede Alpenrose ist die bekannte rostblättrige (Rhododendron ferrugineum). Wir haben auch die wenig gesehene, bewimperte Alpenrose entdeckt (Rhododendron hirsutum). Wer die Sprosse kennt, findet auch schon überall Stendelwurz-Arten (Epipactis).

am Lai da Tarasp haben wir eine (oder zwei) Blutrote Fingerwurz (Dactylorhiza cruenta) gefunden:

auffallend dicker Stängel, beidseits gefleckte Blätter, das oberste Laubblatt erreicht meist den Blütenstand, dieser ist zylindrisch, gedrungen und dichtblütig, die seitliche Sepalen sind nach oben gerichtet (nach: Die Orchideen der Schweiz von Beat A. Wartmann, 2020)